Off-Grid leben – Romantische Vorstellung oder knallharter Alltag?

Zwischen Solaranlage, Wassertank und Selbstversorgung: Warum ein autarkes Leben in Spanien mehr Planung als Verzicht bedeutet.

Autark leben in Spanien - Off-Grid Leben
Spanien bietet viele Möglichkeiten, um autark auf einer Finca leben zu können. // Foto mit KI erstellt

Autark leben in Spanien

Kein Strom, kein Wasser, kein Licht – Leben ohne den komfortablen Anschluss an das städtische Versorgungssystem kann erst einmal einschüchternd wirken.

Während sich manche bewusst für diesen Schritt entscheiden, werden andere – beispielsweise durch die Lage der neu-gekauften Finca – schlichtweg zum Selbstversorger-Leben gezwungen.

Aber, wer Off-Grid, leben möchte (oder muss), kann sich mit etwas Vorbereitung und Planung ein unabhängiges Paradies erschaffen. Denn autark leben, bedeutet nicht, dass Sie Feuer mit Steinen entzünden, einen Regentanz machen und fortan nur noch barfuß laufen (wenn auch das ein oder andere durchaus eintreffen kann).

Es sollte vor allem Selbstständigkeit und Nachhaltigkeit mit sich bringen, statt zu Frustration und Verzicht führen.

Damit das gelingt, hier ein kleiner Einblick in die Off-Grid-Welt.

Energieversorgung

Solarkraft

Die Lichterkette im Garten oder die Wegbeleuchtung im Park – Sonnenenergie ist überall. Eine Photovoltaik- oder Solaranlage zur Stromerzeugung schafft eine netzunabhängige Versorgung selbst für große Haushalte.

Während die Installation einer hauseigenen Solaranlage zwar zunächst etwas komplizierter als die Garten-Lichterkette scheint, einmal professionell eingerichtet, bietet die Sonne in Spanien eine verlässliche Stromquelle für das Haus.

Der technische „Schnick-Schnack“ in kurz und knapp: Das Solarsystem besteht meist aus den Solarmodulen selber, optional einer Batterie und ihrem Laderegler, der sie vor Überladung schützt, sowie einem Wechseltrichter, der den Strom „hauskonform“ umwandelt.

Das technische Prinzip der Energiegewinnung ist bei Solarsystem, Wind- und Wasseranlagen ähnlich. Oft werden diese Systeme mit Gasgeräten im Haushalt ergänzt, um Strom zu sparen.

Wer bereits Erfahrung mit Solarmodulen in Deutschland gesammelt und Sorgen hat, die Anlage reiche nicht um den kompletten Haushalt mit Strom zu versorgen, dem sei gesagt: In Südspanien erzeugt die Sonne nahezu die doppelte Menge an Strom pro Jahr.

Natürlich ist auch in Spanien nicht immer Sommer, Sonne, Sonnenschein. Und da kommt das Herzstück – und auch die teuerste Komponente – der Solaranlage in Spiel: Die Batterie.

Sie ist nicht zwingend notwendig, aber ohne sie kann kein Strom gespeichert werden. Sie können dementsprechend nur nutzen, was zeitgleich produziert wird.

Sicher ist aber, Sie werden ein heißes Getränk, eine warme Dusche oder gar eine Heizung sicherlich vor allem an regnerischen Tagen schätzen.

Windenergie

Wer in windreichen Gebieten wohnt, kann über eine Kleinwindanlage nachdenken. Windanlagen sind weniger verbreitet als Solaranlagen und deutlich teurer. Sie lohnen sich nur für windreiche Regionen und wenn Sie besonders viel Strom benötigen – vor allem wenn die Sonne nicht scheint.

Die Anlage ist dank eines meterhohen Mastes platzsparender als Solarmodule, benötigt aber ein komplexeres Genehmigungsverfahren.

Wasserleistung

Wer den Luxus einer natürlichen Wasserquelle mit konstantem Wasserfluss auf dem Grundstück hat, der kann diese nicht nur zur Abkühlung im Sommer, sondern, mithilfe einer Wassermühle, ebenfalls zur Stromerzeugung nutzen.

Sie benötigen allerdings ein Gefälle von einigen Metern und haben mit Wasserrecht und Baugenehmigung deutlich mehr Papierkram als bei einer Solaranlage.

Elementar: Eine gute Wasserversorgung

Um nicht auf dem Trockenen zu landen, ist ein autarkes Wassersystem das A und O. Es besteht oft aus mehreren Komponenten und nährt häufig getrennte Systeme von Trink- und Brauchwasser.

Manche Fincas haben bereits einen Wasseranschluss (was sich direkt im Kaufpreis bemerkbar macht). Oft muss man sich aber ein eigenes System kreieren.

Eines sei Ihnen gesagt: Früher oder später ertappen Sie sich dabei, sich über Wolkenausbrüche zu freuen und strahlend den Füllstand ihres Wassertanks zu begutachten. Denn gar umsonst schenkt die Natur hin und wieder beachtliche Mengen an kostbarem Wasser und mit einem durchdachten Regenauffangsystem wird kein kostbarer Tropfen verschenkt.

Mit einem Filter aufbereitet kann man einfach Trinkwasserqualität erreichen oder aber das aufgefangene Wasser direkt für Pflanzen, Wäsche oder Duschen nutzen.

Offensichtlich ist Regen aber in Spanien nicht die zuverlässigste Quelle, daher ist ein Plan B (und eventuell auch C und D) sinnvoll.

Anfangs oder als Back-up-System kann man sich vielerorts Wasser liefern lassen und so für einen relativ erschwinglichen Preis seinen Speicher auffüllen. Die Wassercontainer benötigen dann entweder eine Pumpe oder aber funktionieren dank Gefälle.

Wer eine konstantere Versorgung wünscht, kann sich mit etwas Grundwasserglück unter Umständen einen Brunnen bohren lassen. Das benötigt einiger Genehmigungen, je nach Region mitunter Restriktionen und vor allem ein tiefes, tiefes Loch.  Aber: eine konstante Wasserquelle zu haben, ist ein Komfort, den man schnell zu schätzen lernt.

Eine Wassermühle kann nicht nur als Stromquelle, sondern auch (aber nicht gleichzeitig) für Ihre Wasserversorgung genutzt werden. Die Anforderungen sind dieselben wie bei der Stromerzeugung: ein gutes Gefälle und natürlich über das ganze Jahr konstanten Wasserfluss.

Wie bei der Energie, so auch beim Wasser: Ohne Speicherung ist ein Selbstversorgerleben kaum möglich. Ob oberirdisch in klassischen Kunststofftanks oder unterirdisch in Beton-Zisternen – Wasser können sie recht einfach lichtgeschützt lagern. Wer seine Speicher in regenreichen Monaten auffüllt, kann die kostbare Ressource das ganze Jahr über bewusst nutzen.

Wo Wasser, da auch Abwasser

Was passiert eigentlich nach dem Abfluss? Kann ich ohne Kanalisation waschen, duschen, spülen? Wie funktioniert die Toilettenspülung? In einer Off-Grid-Finca wird das Abwassersystem schnell zum zentralen Planungspunkt.

Zunächst zum Abwasser-Fachjargon: Abwasser teilt sich grundsätzlich in Schwarzwasser (Toilettenabfluss), Grauwasser (Dusche, Waschmaschine, Spüle etc.) und Weißwasser (Regen-, Leitungs- oder Quellwasser) ein.

Eine häufige Kläranlage in Off-Grid-Systemen für Grauwasser ist die Pflanzenkläranlage. Sie benötigt relativ viel Platz, ist aber dank Filterung durch Pflanzen und Mikroorganismen sehr nachhaltig.

Für Grau- und Schwarzwasser nutzt man vor allem Mehrkammergruben, bei denen Feststoffe verrotten und Flüssigkeiten versickern oder biologische Kleinkläranlagen, bei denen das gereinigte Wasser wiederverwendet werden kann, die aber Strom benötigen.

Ganz ohne (Ab)wasser und besonders umweltfreundlich ist die Trockentrenntoilette. Wer die anfängliche Scheu erst einmal abgebaut hat, kann ein hier ein einfaches System finden, um die Abwasserproblematik von Schwarzwasser zu umgehen.

Wer mit all dem Abwassersystem nichts zu tun haben möchte, kann auch einen Fäkalientank nutzen, der alle paar Monate von der Gemeinde geleert werden muss.

Energie, Wasser, Abwasser – sicher ist, wenn das neue Heim nicht ans Strom- oder Wassernetz angeschlossen und noch kein Off-Grid-System vorhanden ist, sollten Sie einen finanziellen Puffer einplanen. Von Genehmigung bis zur Installation kommen schnell ein paar Taler zusammen.

Doch in vielen Fincas, sind bereits einige Komponenten eines autarken Lebensstils vorhanden und können direkt genutzt werden und schnell wird klar: Autark zu leben bedeutet nicht, verzichten zu müssen, sondern vor allem bewusster zu leben.

Früher als gedacht, fühlt es sich völlig selbstverständlich an, bei Sonnenschein zu waschen, Wasser zu recyclen und letztendlich wohl auch im Regen zu tanzen (vermutlich sogar barfuß).

Die Off-Grid-Komponenten in Kürze:
  • Energie: Solarstrom als häufigste Lösung; Windenergie und Wasserenergie, für die mit den nötigen Voraussetzungen
  • Wasser: Lieferung, Regenwasser, Brunnen oder Mühle – oft ist es eine Kombination mehrerer Quellen
  • Abwasser: Kläranlagen, Grube, Fäkalientank oder doch lieber Trenntoilette?

Dem echten Off-Grid-Leben sind kaum Grenzen gesetzt: Wer es ernst meint mit dem Selbstversorgertum, der wird schnell sein eigenes Gemüse und Obst anbauen und sogar Hühner oder Bienen halten wollen.

Was möglich ist und wo die Tücken liegen, lesen Sie im nächsten Artikel zum Thema Off-Grid-Leben in Spanien.

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