“An der Costa del Sol fühle ich mich als Mensch besser”

Im Interview spricht der gebürtige Bremer Christian Machowski über seinen Job in einer Incoming-Agentur für Fußballclubs, den FC Málaga und seine Liebe zu Andalusien

Christian Machowski vor dem Stadion La Rosaleda
Christian Machowski vor dem Stadion La Rosaleda des FC Málaga.

Christian Machowski ist in Málaga kein Unbekannter. Und das, obwohl der gebürtige Bremer erst seit Sommer diesen Jahres in der Hauptstadt der Costa del Sol lebt. Seine Liebe zu Andalusien eilte ihm allerdings voraus – vor allem Dank des sozialen Netzwerkes Twitter, bei dem er fast 15.000 Follower hat. Mit Begeisterung porträtiert er Land und Leute seiner zweiten Station als Immigrant, nachdem er zuvor über 25 Jahre in Manchester lebte. Dort hat seine Incoming-Agentur ESEM ihren Sitz, die Profi-Fußballclubs bei Auswärtsspielen in Großbritannien begleitet.

Christian, Du kommst aus Bremen, hast lange Jahre in Manchester gelebt und gearbeitet und wohnst jetzt in Málaga. Habe ich das so richtig auf dem Zettel?

Genau, ich bin in Bremen geboren und aufgewachsen, bis ich dann 1992 nach England aufgebrochen bin. Die englische Kultur, aber vor allem der Fußball haben mich schon immer gereizt. In den 80er Jahren bin ich öfter nach Manchester geflogen, um dort live Spiele im Stadion zu verfolgen. Nach meiner Ausbildung bin ich dorthin gezogen. Ohne Job, ohne Geld, ganz allein. Ich wollte das einfach ausprobieren – und habe dann 23 Jahre dort gelebt.

Respekt! Das war bestimmt nicht einfach.

Im ersten Jahr habe ich mich so durchgeschlagen, in Pubs und später bei einer Software-Firma gearbeitet. Die hatten ein Produkt für den deutschen Markt und ich sollte das verkaufen. Leider habe ich selbst nicht ganz kapiert, was das Programm eigentlich kann oder macht. Daher wurde ich bald wieder nach Hause geschickt (lacht). Eines Tages habe ich in der Zeitung ein kleines Stellenangebot gelesen. Eine Firma suchte Fußballfans, die Fremdsprachen sprechen. Oh, das bin ja ich, dachte ich mir. Und seit 1993 arbeite ich jetzt in dieser Branche.

Handelte es sich dabei um das gleiche Unternehmen, bei dem Du heute immer noch arbeitest?

Nein, für diese Firma habe ich nur drei Jahre gearbeitet. Das war eine sogenannte Incoming-Agentur. Man hat dort Fußballteams betreut, die aus dem Ausland nach England kamen, für Spiele in der Champions League oder andere europäische Wettbewerbe. Ich habe für dieses Unternehmen 1996 die Ausschreibung gewonnen, mit dem offiziellen Reisebüro des DFB die Sponsoren, Familien, Gäste, Journalisten und Fans bei der Europameisterschaft in England zu betreuen. Alle Gruppenspiele einschließlich Achtel- und Viertelfinale wurden in Manchester gespielt. Wir haben die Hotels, Transfers und Programme gebucht und die Koordination vor Ort mit unseren Kollegen vom DFB übernommen.

Warum hast Du nach diesem Erfolg dort aufgehört?

Ich hatte einfach das Gefühl, dass ich jetzt weiter muss. In Manchester gab es keine vergleichbaren Agenturen. Und nach London wollte ich nicht. Daher habe ich mich mit einem Kollegen selbstständig gemacht. Und wir haben jetzt seit 25 Jahren unsere eigene Agentur ESEM (Euro Sport & Event Management) in der gleichen Branche.

Wie waren die Anfänge in Deiner eigenen Agentur?

Man beginnt mit den Vereinen und Verbänden und deren offiziellen Reisebüros Kontakte zu knüpfen, und sich und seine Dienstleistungen präsentieren. Wenn sie mit der Ausführung zufrieden waren, dann blieben bzw. bleiben uns die Kunden viele Jahre lang treu. Dabei geht es nicht um den Firmennamen, sondern um die persönliche Betreuung. Der Service und die Abwicklung stehen im Vordergrund. Wir haben uns komplett auf Fußball spezialisiert, konkret für Reisen von Clubs zu Auswärtsspielen in der Champions League, der Europa League sowie für Länderspiele in Großbritannien als auch Trainingslager.

Christian Machowski Dynamo Kiew
Machowski begleitete 15 Jahre lang den ukrainischen Topclub Dynamo Kiew.

Organisiert Ihr nur für die Mannschaft selbst oder auch für Fans?

Wenn zum Beispiel Spiele in der Champions League sind, betreuen wir die Mannschaft, die mitgereisten Sponsoren, die Journalisten, die Fangruppen. Wir sind zuständig von dem Zeitpunkt an, wenn sie auf der Insel landen, bis wir alle wieder zum Flughafen zur Rückreise bringen, also Hotels, Spiel- und Trainingsorte, Restaurants, Reiseleiter, Aktivitäten und natürlich der Transport mit Bussen, Limousinen… einfach alles. Wir koordinieren uns dabei auch mit den Reisebüros der jeweiligen Gegner, damit es keine Überschneidungen gibt.

Dann ist so eine Gruppenauslosung in der Champions League immer richtig spannend für Euch?

Genau, bis dahin können wir praktisch gar nicht planen. Danach setzen wir uns mit den jeweiligen Clubs in Verbindung, die in Großbritannien spielen werden. Es gibt eine sogenannte Inspektions-Reise in den jeweiligen Spielort. Dort schauen wir uns die Hotels an, besprechen alle Aktivitäten und machen vor Ort alles fest.

Inwiefern hat COVID19 eure Aktivitäten beeinflusst?

Es war natürlich schwieriger. Am Anfang durften nur die Mannschaften mit kleinen Delegationen fliegen. Sponsoren oder Fans waren nicht dabei, es gab keine Aktivitäten. Dadurch war das Geschäft um einiges weniger. Es gab auch Situationen wie bei Leipzig oder Gladbach, die in Liverpool bzw. Manchester hätten spielen sollen. Letztlich wurden die Spiele aber kurzfristig nach Budapest verlegt, wo wir natürlich nicht arbeiten.

Die Spieler müssen sich bei Auswärtsreisen eigentlich um gar nichts mehr kümmern, oder?

Genau um das geht es bei unserer Aufgabe. Es ist alles komplett durchgeplant und abgewickelt, so dass sich die Profis voll und ganz auf das Spiel konzentrieren können. Viele Vereine kommen inzwischen auch mit dem eigenen Bus angereist. Der kommt dann einen Tag vorher auf dem Landweg und wartet schon am Flughafen auf die Mannschaft. Jeder sitzt dann an seinem gewohnten Platz und alles ist bereit. Oft ist auch ein eigener Koch dabei. Es ist im Grunde fast so, als ob man ein Heimspiel hätte.

Du warst lange auch mit Dynamo Kiew unterwegs, wie ich damals auf Twitter gesehen habe. Wie kam es zu diesem Engagement?

Kiew hat 1997 in Wales gespielt in der Qualifikation für die Champions League. Wir haben unsere Dienstleistungen angeboten. Der Leiter der internationalen Abteilung sprach Deutsch und wir haben uns gut verstanden. Über die Jahre haben wir dann angefangen, deren Spiele in Großbritannien zu organisieren. Dann wurden wir gefragt, ob wir auch die Partien in anderen Ländern betreuen könnten. Und später kam die Anfrage, ob wir auch die Trainingslager organisieren könnten. Das haben wir viele Jahre gemacht. Ich bin in dieser Zeit immer drei Monate im Jahr auf Reisen gewesen. Wir haben bisher in über 45 Ländern und mehr als 115 Städten und mit Mannschaften aus über 45 Ländern gearbeitet.

Mit Kiew wart ihr in den Trainingslagern im Sommer in Österreich und im Winter in Marbella?

Richtig, im Frühsommer in Tirol und im Winter immer zwei Wochen in Marbella oder in Estepona.

Der Fußball bringt ordentlich Tourismus an die Costa del Sol, oder?

Auf jeden Fall. Es kommen unglaublich viele Teams, nicht nur, aber hauptsächlich in den Wintermonaten nach Marbella und das ist wirtschaftlich sehr wichtig geworden. Es profitieren davon ja nicht nur das Trainingscamps, sondern auch die Hotels, Restaurants und so weiter. Neben den vielen Vereinen ist inzwischen auch die norwegische Nationalmannschaft regelmäßig an der Costa del Sol. Das ist wichtig für das Image, aber auch für die lokalen Vereine hier, die immer Top-Testspielgegner vorfinden. Mit Kiew haben wir zum Beispiel oft gegen den FC Málaga gespielt.

Du musst berufsbedingt viel Reisen. Das ist privat wahrscheinlich nicht immer einfach, denn Du bist ja auch verheiratet.

Wir arbeiten zusammen, das macht vieles einfacher. Meine Frau ist Projektmanagerin. Sie versteht, was wir machen und wir können uns austauschen. Normalerweise bin ich pro Projekt vier, fünf Tage unterwegs. Das geht. Und wir haben hier in Málaga inzwischen eine sehr gute Infrastruktur. Ich kann täglich nach England fliegen, bin in drei Stunden da.

Deine Agentur ESEM hat neben Manchester jetzt auch eine Sitz in Málaga, richtig?

So ist es. Durch unsere spanische Abteilung haben wir neue Geschäfte hier erschlossen. Wir organisieren und betreuen Trainingslager in Spanien und machen inzwischen zum Beispiel viel mit Länderspielen in Gibraltar. Erst vor kurzem waren wir mit der U21 der Niederlande bei einem Länderspiel im Victoria Stadium.

Fan der Stadt und seinem Fußballclub

Fußball ist für Dich aber nicht ausschließlich ein Beruf. Du bist inzwischen ein eingeschweißter Fan des FC Málaga. Wie kam es dazu?

Das ist eine einfache Geschichte. Ich war 2003 hier im Urlaub und wollte ein Fußballspiel sehen. Es war der letzte Spieltag der Saison, und der FC Málaga traf auf den FC Sevilla. Ich habe mir am Stadion, das damals noch eine ziemliche Bruchbude war, ein Ticket geholt. Das Spiel ging 3:2 für Málaga aus. Es war alles dabei: Rote Karte für Málaga, Dario Silva hat zwei Tore geschossen, das erste gleich nach fünf Minuten direkt vor meinen Augen. Die Stimmung war fantastisch und ich war einfach „hooked“, wie man im Englischen sagt. Seitdem befasse ich mich mit dem Club. Von England aus habe ich dann immer am Sonntag spanisches Radio gehört. Damals haben ja fast alle Teams noch zur gleichen Zeit gespielt. Die Dramatik der Übertragungen hat mich fasziniert.

Du hast damals also schon Spanisch gesprochen?

Kein Wort! Ich habe trotzdem Kontakt aufgenommen zur Peña Malaguista Internacional. Die hatten ihre Basis im Pub The Tavern in Marbellas Altstadt. So habe ich erste Kontakte geknüpft. Ein Jahr später bin ich mit denen zusammen dann zu einem Spiel gegen Osasuna gefahren und war dann immer ein, zweimal im Jahr hier.

Und wie kam es, dass Du letztlich komplett an die Costa del Sol umgesiedelt bist?

Seit 2006 war ich im Winter immer regelmäßig für einen Monat hier. Ich habe ja Dynamo Kiew im Trainingslager begleitet. Dabei bemerkte ich, wie ich mich als Mensch besser gefühlt habe. Mir fiel der Winter sehr schwer in Großbritannien. Dunkel, schlechtes Wetter… das wirkte sich auf mein mentales Befinden aus. An der Costa del Sol war ich glücklicher. Damals fing ich auch an, mir eine Saisonkarte des FC Málaga zu kaufen, obwohl ich ja nur zwei, drei Mal im Jahr hier war. Aber das hatte für mich eine wichtige, symbolische Funktion, so von wegen: Eines Tages werde ich hier leben! Fix umgezogen an die Costa del Sol sind wir dann 2015. Aber ich war natürlich voll dabei beim FC Málaga. Beim Champions League Viertelfinale gegen Borussia Dortmund waren wir im Stadion, zuvor auch in Mailand. Das waren schon besondere Zeiten.

Apropos Dortmund: Ich war damals auch akkreditiert und kann mich noch erinnern, wie die gesamte spanische Presse schon feierte. Und dann kam diese verrückte Nachspielzeit…

Weißt Du was ich noch zu meiner Frau gesagt habe? Ich meinte: Pass auf, wenn die tatsächlich noch ein Tor machen sollten, dann machen sie auch zwei. Dann kam die Flanke rein, Demichelis vermasselt den Kopfball – das Ding musste einfach weg. Und der Rest ist Geschichte.

Du warst diese Saison gleich beim ersten Heimspiel dabei, bei dem erstmals seit Ausbruch der Pandemie wieder Zuschauer ins Stadion La Rosaleda gelassen wurden. Wie war das?

Es war tatsächlich etwas ganz Besonderes. Um mich herum saß im Umkreis von zehn Metern überhaupt niemand. Dann wurde das Spiel angepfiffen, die Fans begannen zu singen und mir kamen die Tränen aus den Augen gekullert. Es war sehr emotional. Durch meinen Job war ich zuvor bereits bei einigen Champions League-Spielen und deprimierender ging es kaum. Wie ein Vorbereitungsspiel auf einem Provinzplatz.

Kommen wir nochmal zurück auf Deinen aktuellen Lebensstandort. Du bist mit Deiner Frau 2015 nach Benahavís gezogen und wohnst seit diesem Sommer im Zentrum Málagas. Durch Deine Fotografien, vor allem über die Provinzhauptstadt, bist Du auch bei vielen Einheimischen schnell bekannt geworden.

Fotografie ist ein Hobby von mir, das sich vor allen in den letzten Jahren sehr entwickelt hat. Die wunderschönen Farben hier in Andalusien, die Landschaft, die Architektur und die Menschen. Mich faszinieren Menschen. Am liebsten mache ich sogenannte Street-Fotografie und fange das Ambiente ein. Das hat mir gerade auch in der harten COVID-Phase Halt gegeben. Rauszugehen, Bilder einzufangen und zwischen den 100 Fotos, die nicht so prickelnd waren, zwei oder drei zu finden, auf die man stolz ist.

Läufst Du immer mit der Kamera durch die Straßen oder zückst Du eher das Handy?

Ich versuche so wenig wie möglich mit dem Handy zu machen. Wenn man sich ein wenig mit der Materie beschäftigt, merkt man schnell, dass ein Handy nie das einfangen kann, was eine gute Kamera möglich macht. Normalerweise habe ich immer eine Kamera dabei, vor allem wenn ich allein unterwegs bin, weil man ja oft an einer Ecke ein paar Minuten steht, bis das Licht stimmt und so weiter. Als wir umgezogen sind, bin ich oft schon früh morgens nach Málaga gefahren und dann so um acht Uhr allein durch die Straßen gezogen, um das Leben eingefangen. Das macht sehr viel Spaß. Aber das professionell zu machen, ist nicht mein Antrieb. Es ist die Freude, ein gutes Foto zu machen und es auch ein bisschen zu entwickeln.

Du hast vor kurzem auch einen englischsprachigen Blog angefangen, in dem Du deine Bilder und deine Erfahrungen hier in Spanien beschreibst.

Die Idee war eigentlich, dass nicht-spanische Publikum anzusprechen, aber ich bekomme viel Feedback von Einheimischen, die mir sagen: „Mensch, so habe ich Málaga noch gar nicht gesehen. Du gibst uns einen ganz anderen Blickwinkel“. Das sind die besten Komplimente und Ansporn, das Ganze weiterzuführen. Der Blog ist so ein bisschen was wie Therapie für mich, auch wenn das Wort Therapie natürlich zu weit gegriffen ist. Aber ich bin eben zum zweiten Mal in meinem Leben ausgewandert und seit fast 30 Jahren ein Immigrant. Diese Erfahrungen zu teilen, das erfüllt mich. Und hier war die Umstellung bzgl. Kultur, Sprache etc. noch einmal deutlich schwieriger als in England. Wie ist das eigentlich, hier zu leben? Die Geräusche, die Gerüche, die Menschen, die Kultur, was die Leute hier machen. Das möchte ich ein bisschen wiedergeben und mit meinen Bildern natürlich untermalen.

Was Dir im Übrigen sehr gut gelingt Christian. Vielen Dank für Deine Zeit und bis bald im Rosengarten zum nächsten Heimspiel des FC Málaga!

Den Blog von Christian Machowski finden Sie hier, sein Twitter-Account heißt @Christian_ESEM.

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