Steigende Zinsen, robuste Börsen: Was Anleger beachten sollten
Die Börsen bleiben trotz steigender Zinsen stabil.

Die internationalen Aktienmärkte zeigen sich derzeit erstaunlich robust. Trotz steigender Anleiherenditen, geopolitischer Spannungen und hoher Energiepreise notieren viele wichtige Aktienindizes weiterhin nahe ihrer Höchststände.

Auf den ersten Blick passt diese Entwicklung nicht zusammen. Normalerweise gelten steigende Zinsen als Belastung für Aktien: Anleihen werden attraktiver, die Finanzierungskosten der Unternehmen steigen und zukünftige Gewinne werden stärker abdiskontiert.

Warum bleiben die Börsen trotzdem so gelassen?

Staatsschulden verändern das Umfeld

Ein wesentlicher Faktor ist die stark gestiegene Verschuldung der Staaten. Während Unternehmen und private Haushalte ihre Verschuldung nach der Finanzkrise teilweise reduziert haben, sind die Staatsschulden weltweit deutlich gestiegen.

Damit hat sich das Risiko verschoben. Unternehmen und private Haushalte sind heute vielfach weniger zinssensitiv als noch vor 15 Jahren. Gleichzeitig wird eine dauerhaft hohe Zinsbelastung für hoch verschuldete Staaten zunehmend problematisch.

Daraus entsteht ein Zielkonflikt für die Notenbanken: Einerseits müssen die Zinsen ausreichend hoch sein, um die Inflation zu bekämpfen. Andererseits belasten hohe Zinsen die ohnehin stark verschuldeten Staatshaushalte.

Für Anleger wird deshalb nicht nur der nominale Zinssatz entscheidend sein, sondern vor allem die reale Rendite nach Inflation und Steuern.

Aktien und Sachwerte bleiben interessant

Damit gewinnt ein alter Grundsatz der Vermögensanlage wieder an Bedeutung: der Unterschied zwischen Geldwerten und Sachwerten.

Aktien sind Beteiligungen an Unternehmen. Diese können ihre Umsätze und Gewinne langfristig zumindest teilweise an steigende Preise anpassen. Aktien sind deshalb keineswegs immun gegen Inflation oder steigende Zinsen. Langfristig besitzen Unternehmensbeteiligungen jedoch eine andere Qualität als reine Geldforderungen.

Auch deshalb investieren Anleger trotz höherer Zinsen weiterhin in Aktien und andere Sachwerte. Ein Zinssatz von beispielsweise 5 Prozent klingt zunächst attraktiv. Bleibt die Inflation jedoch erhöht, kann nach Steuern und Inflation real nur wenig Vermögenszuwachs übrigbleiben.

Das bekannte Prinzip „There Is No Alternative“ – TINA – erhält damit eine neue Bedeutung: Nicht die absolute Höhe der Zinsen ist entscheidend, sondern was nach Inflation und Steuern tatsächlich übrigbleibt.

Langfristige Zinsen werden wichtiger

Trotz der aktuellen Stabilität sollte der Anstieg der langfristigen Zinsen nicht unterschätzt werden.

Steigende Renditen langfristiger Staatsanleihen verändern das Verhältnis zwischen Risiko und Ertrag. Die risikofreie Rendite wird attraktiver und gleichzeitig geraten die Bewertungen von Aktien stärker unter Druck.

Besonders anfällig sind Unternehmen, deren Kurse bereits sehr hohe Wachstumserwartungen widerspiegeln. Enttäuscht das Gewinnwachstum oder steigen die Zinsen weiter, können solche Aktien deutlich korrigieren.

Eine bestimmte Zinsmarke sollte dabei allerdings nicht als automatischer Wendepunkt verstanden werden. Entscheidend ist vielmehr das Zusammenspiel aus Zinsen, Inflation, Wirtschaftswachstum, Unternehmensgewinnen und Bewertungen.

Bewertung wird wieder wichtiger

Das extrem günstige Zinsumfeld der vergangenen Jahre hat hohe Aktienbewertungen teilweise unterstützt. Dieses Umfeld hat sich verändert.

Damit gewinnt die Bewertung eines Unternehmens wieder stärker an Bedeutung. Entscheidend ist nicht nur, wie gut ein Unternehmen ist, sondern auch, welchen Preis man dafür bezahlt.

Gerade bei Unternehmen mit hohen Kurs-Gewinn-Verhältnissen können bereits kleinere Enttäuschungen beim Gewinnwachstum zu deutlichen Kursrückgängen führen.

Für Anleger werden deshalb solide Bilanzen, nachhaltige Gewinne, starke Marktpositionen und eine vernünftige Bewertung wieder wichtiger.

Nicht prognostizieren, sondern reagieren

Die aktuelle Situation zeigt einmal mehr, wie schwierig kurzfristige Marktprognosen sind.

Steigende Zinsen führen nicht automatisch zu fallenden Aktienkursen. Ebenso bedeutet ein neues Allzeithoch nicht, dass die Märkte vor einer Korrektur geschützt sind.

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Tobias Heyden von der nowinta Finanzgruppe.

Derzeit treffen mehrere Faktoren aufeinander: hohe Staatsschulden, steigende Anleiherenditen, Inflation, geopolitische Risiken, hohe Bewertungen in einzelnen Marktsegmenten und gleichzeitig robuste Unternehmensgewinne.

Diese Mischung kann dazu führen, dass die Märkte länger stabil bleiben, als viele Anleger erwarten. Sie kann aber ebenso zu stärkeren Schwankungen führen, wenn sich einzelne Rahmenbedingungen verändern.

Deshalb halten wir es für wenig sinnvoll, das eigene Vermögen allein auf Basis kurzfristiger Marktprognosen auszurichten.

Niemand weiß zuverlässig, ob der nächste größere Impuls von den Anleihemärkten, der Inflation, der Geopolitik, den Energiepreisen oder den Unternehmensgewinnen ausgehen wird.

Wer deshalb bei jedem möglichen Risiko aus dem Markt geht, läuft Gefahr, wichtige Marktphasen zu verpassen. Gleichzeitig bedeutet langfristiges Investieren nicht, Risiken zu ignorieren.

Eine breite Diversifikation, eine angemessene Liquiditätsreserve und eine flexible Aktienquote können helfen, unterschiedliche Marktszenarien auszuhalten.

Unser Ansatz bleibt deshalb ein regelbasiertes und antizyklisches Vorgehen: Risiken nicht durch kurzfristige Prognosen vermeiden, sondern auf Veränderungen reagieren.

Fazit

Die derzeitige Ruhe an den Aktienmärkten sollte nicht mit Risikolosigkeit verwechselt werden.

Steigende langfristige Zinsen, hohe Staatsschulden und teilweise ambitionierte Bewertungen sind Faktoren, die wieder stärker in den Mittelpunkt rücken können. Gleichzeitig sprechen robuste Unternehmensgewinne und die langfristige Bedeutung von Sachwerten gegen einen einfachen Zusammenhang nach dem Motto „höhere Zinsen gleich fallende Aktien“.

Für Anleger kommt es daher weniger darauf an, den nächsten Börsencrash vorherzusagen. Entscheidend ist vielmehr, das eigene Vermögen so aufzustellen, dass unterschiedliche Marktszenarien ausgehalten werden können.

Nicht die kurzfristige Vorhersage des Marktes entscheidet über den langfristigen Anlageerfolg, sondern eine konsequente, flexible und regelbasierte Vermögensstrategie.

Tobias Heyden
Geschäftsführer nowinta Spanien

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